Einmal physisch-psychisch und zurückWas haben neuronale Aktivitätsmuster, fortgeleitete Aktionspotentiale, erfahrungsabhängige Synapsenstärken, Ausschüttung von Transmittersubstanzen, Langzeitpotenzierung, sich öffnende oder verschließende Ionenkanäle usw., was haben solche physikalisch-chemischen Prozesse mit dem Erleben zu tun? Sind physikalisch-chemische Prozesse von anderer Art als das Erleben (Gefühle, Gedanken, Erinnerungen, Phantasien, Handlungsentwürfe, usw.)?
Der Bereich der physischen Phänomene und der Bereich der nichtphysischen, seelisch-geistigen oder mentalen Phänomene galten als zwei klar voneinander getrennte, wechselseitig exklusive Bereiche, die nicht ineinander übergehen könnten. Nach Descartes (1596-1650) wurde die ausgedehnte, materielle Substanz von der denkenden, nicht ausgedehnten Substanz unterschieden. Dabei nahm Descartes an, dass sich diese Bereiche über die Zirbeldrüse wechselseitig beeinflussen könnten. Dieser dualistischen Auffassung steht die monistische oder physikalische Auffassung gegenüber, die annimmt, dass es nur eine Art von Substanz - die Materie - und nur eine Art von Prozessen - die materiellen - gibt.
Die Frage nach der speziellen Beziehung zwischen Hirnprozessen und seelisch-geistigen oder mentalen Vorgängen oder Phänomenen ist eine Kernfrage in der Diskussion des sogenannten "Leib-Seele-Problems".
Bieri (1981) hat drei Basissätze formuliert, die mittlerweile als "Bieri-Trilemma" zu einem feststehenden Begriff geworden sind:
Jeder Basissatz scheint wahr zu sein, gleichzeitig und zusammen jedoch, können sie nicht richtig sein.
Im ersten Satz drückt sich die Unterscheidung zwischen geistig und nicht-geistig bzw. nicht-physisch und physisch aus, entsprechend dem allgemein verbreiteten Verständnis, als Inbegriff eines Gegensatzes zwischen Geist und Materie. Der zweite Satz stellt das Fundament der Psychosomatischen Medizin dar. Und der dritte Satz, wonach physische Zustandsänderungen nur von physischen Einflussfaktoren verursacht bzw. physische Zustände nur durch physische Ursachen erklärbar sind, beschreibt eine Grundfeste moderner Naturwissenschaften. Bieri, 1981: "Zwei von ... [den Sätzen] implizieren jeweils die Falschheit des dritten: Wenn mentale Phänomene nichtphysische Phänomene sind und wenn es mentale Verursachung gibt, dann kann der Bereich physischer Phänomene nicht kausal geschlossen sein. Wenn er jedoch kausal geschlossen ist und wenn mentale Phänomene nichtphysische Phänomene sind, dann kann es allem Anschein zum Trotz keine mentale Verursachung geben. Und wenn es sie trotz der kausalen Geschlossenheit der physischen Welt gibt, dann kann es nicht sein, dass mentale Phänomene nichtphysische Phänomene sind." Den Konflikt zwischen diesen drei, das Trilemma bildenden Sätzen, hält Bieri für nicht lösbar, sondern lediglich für auflösbar. Auflösbar, indem ein Satz preisgegeben wird. Aber welcher?
Quelle: Deneke, F-W. (2001). Psychische Struktur und Gehirn, Die Gestaltung subjektiver Wirklichkeiten (2. Aufl.). Stuttgart: Schattauer.
Erstellt von Lysann Rall, 12/2005
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