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Essstörungen

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Zum Ende der Seite springen Schuld an ihrem Tod...  
 
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Bärchi:
Schuld an ihrem Tod...
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[B]Hallo,
da ich mich vor ein paar Tagen schon einmal durchgerungen habe, nach sehr langer Zeit noch einmal hier zu posten,versuche ich es nun noch einmal. Meine Essstörung habe ich überwunden,ich habe seit ca. einem dreiviertel Jahr Normalgewicht und es geht mir gut.Dennoch gibt es etwas, das mich extrem belastet.Ich habe vor einigen Wochen einen Brief geschrieben,an diese Person,um die es geht.Ich kopiere ihn, in abgeänderter Form(wegen der Namen usw.), hier hinein.Wahrscheinlich zerstückelt,da der Text sehr lange ist.Vielleicht hat jemand von euch ja den Nerv,die Zeilen zu lesen.Ich hoffe,dass ihr mich danach nicht verachtet...ich weiß,dass es so falsch von mir war.Ich kann es bis heute nicht verstehn.[/
B]
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Bärchi:
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Liebe Monika Juli 2010


Am 07.07.2010 war es genau 2 Jahre her, dass du verstorben bist. Zwei Jahre – das kann doch gar nicht sein. Es fühlt sich für mich so an, als wenn es gestern war. Oder erst letzte Nacht. Ich dachte immer, es würde irgendwann ganz weggehn. Das von dir Träumen. Es tut mir alles so leid.
Jedes Mal, wenn ich das Datum 07.07. letzte Woche in der Praxis auf ein Rezept schrieb, warst du mir im Sinn. Ich wollte eigentlich zu deinem Grab. Aber sicher waren deine Verwandten auch dort. Ich werde dich in meinem Urlaub besuchen, ganz sicher.
Ich kann es mir bis heute nicht verzeihen, dass ich nicht auf mein Gefühl gehört habe. Sicher, im Gegensatz zu den anderen Nachbarn wusste ich nicht, dass du bereits zwei Mal versucht hattest, dich umzubringen. Und dass du nicht jeden Morgen zur Arbeit fährst, sondern nach H. in eine Tagesklinik. Nein, aber ich habe es gespürt. Ganz genau gespürt, verdammt. Dass an diesem Abend etwas nicht stimmt. Bei dir! Was war nur mit mir los, dass ich mich so derart falsch verhalten konnte??!! Wieso haben wir beide nie miteinander geredet? Jahrelang lebten wir über/ untereinander, im gleichen Haus. Ich hatte psychische Probleme und du auch. Und doch wusste keiner von dem anderen- Ich hätte es nie von dir gedacht- und du wahrscheinlich nicht von mir. Ein paar Tage vor deinen Tod hast du draußen noch die Rosen geschnitten, ich hatte kurz mit dir gesprochen, weil ich eine meiner Katzen suchte. Es schien alles so normal. Nie hätte ich gedacht, dass es dir nicht gut geht. Aber das weiß man ja als Außenstehender und auch als Angehöriger meistens nicht. Du hast alleine gelebt, warst eigentlich immer zu Hause, also abends, tagsüber dachte ich ja, du wärst arbeiten. Am Wochenende, Samstag und Sonntag, warst du fast immer daheim, bekamst nur wenig Besuch. Man sah durch deine Glaseingangstür immer den Fernseher flimmern. Ich möchte gar nicht wissen, wie oft du Streiterein zwischen F. und mir mitbekommen hast. Wie oft du ihn hysterisch schreien und mich schlagen gehört hast – mir war das immer so peinlich. Lynn, die damals noch über uns wohnte, hatte mich ein Mal darauf angesprochen. Natürlich hatte ich da alles geleugnet und wie immer getan, als wäre alles okay. Wie dumm von mir – habe mir später oft genug gewünscht, dass jemand kommt und mir hilft, dass es einfach an der Tür klopft. Wenn ich Angst hatte, er bringt mich um. Aber es kam keiner, war ja selbst Schuld. Ich denke, du wirst mich verstehn.
M. Angel – scherzhaft nannten F. und ich, wenn wir mal über dich sprachen, dich immer „Angel“ oder auch „Angie“, also Engel auf englisch. Und nun bist du einer. Ich habe nur ein einziges Mal mit meiner Therapeutin darüber gesprochen, sie denkt, es wäre okay. Dabei hab ich es überhaupt gar nicht verarbeitet.
Es war Samstagabend, so gegen 23 Uhr, als F. und ich heim kamen. Wir waren lang bei meiner Oma L. in A. gewesen. Als wir die Haustür aufsperrten und in den Flur gingen, sah man bei dir keinen Fernseher flimmern, wie sonst immer am Wochenende. Aber dein Auto stand da. Komisch, dachte ich noch, es ist noch so warm draußen und Wochenende und du schläfst schon? Ich weiß nicht, warum mir gerade an diesem Abend alles so durch den Kopf ging. Als wir in der Wohnung waren, hörte ich nach kurzer Zeit ein Stöhnen. Es hörte nicht auf. Ich machte dir Tür zum Hausflur auf und lauschte – tatsächlich: das Gestöhne war nun ganz laut zu hören. Ich rief F., der es dann auch hörte. Ganz unbeeindruckt ging er wieder hinein, es interessierte ihn nicht. Ich dachte noch, es sind die beiden, die über uns wohnen, da man sie (leider) schon öfters gehört hatte...trotzdem saß ich im Wohnzimmer und grübelte, hatte ein komisches Gefühl. Als wir dann im Bett lagen, sah F. noch fern. Ich hörte das Stöhnen immer noch, seit über einer Stunde! F. meinte, er höre nichts und ich solle ihn in Ruhe lassen und nicht nerven. Als er irgendwann einschlief, ging ich ins Gästezimmer. Auch da hörte ich das Stöhnen. Ich stand auf und ging ins Wohnzimmer, an das große Kippfenster und horchte nach draußen. Das Stöhnen war nun sehr deutlich zu hören. Nun kam mir der Gedanke, dass es jemand sein könnte, der vielleicht Schmerzen hat. Ich überlegte, versuchte das Geräusch genau zu orten. Dan aber dachte ich mir, dass rechts und links neben uns die Nachbarn alle in Familien da wohnen und dass da doch nicht einfach einer liegen kann, der z.B. gestürzt ist und keiner findet ihn. Nee. Und du mit deinen 43 Jahren stürzt doch auch nicht einfach wie eine alte Frau und liegst dann hilflos stöhnend da. Nee. Ich zögerte, machte das Fenster dann wieder zu. Inzwischen war ich mir ziemlich sicher, dass das Geräusch von unten kam. Ich legte mich ins Bett, aber an Schlaf war nicht zu denken. Wieso ging ich nicht runter, und klopfte??? Ich traute mich nicht, mitten in der Nacht. Was hätte ich sagen sollen, wenn du aufgemacht hättest? Ich ging ins Bad auf die Toilette und hörte das Gestöhne nun ganz laut und deutlich, gleich dem Atemrhytmus ging das. Ich war so müde und fertig, knallte den Klodeckel laut zu und dachte mir, dass du das hoffentlich hörst, falls du das bist und endlich Ruhe gibst. Mein Gott, was ich mich heute dafür verachte – du lagst da unten im Sterben und ich war wütend! Ich hab es gespürt, aber verdrängt. Es war doch so unwahrscheinlich –oder?
Am nächsten Morgen hatte ich immer noch dieses komische Gefühl. F. und ich waren bei Freunden eingeladen, kamen erst abends wieder heim. Mittags sagte ich noch zu ihm, dass wenn ich heute Abend keinen Fernseher bei dir sehe, würde ich klopfen. F. fragte noch, ob ich spinne, und was ich denn sagen sagen wollte, wenn du öffnest. Ich antwortet ihm dann:“ Na, ich frage dann einfach, ob sie etwas Zucker hat oder so.“ Abends kamen wir dann heim – deine Wohnung war dunkel. Und was machte ich? Nichts! Nahm es mir für den nächsten Morgen vor. Ich hatte ja Urlaub und hatte mir geschworen, dass wenn dein Auto jetzt noch auf dem Parkplatz steht und du nicht auf der Arbeit (Tagesklinik) bist, klingele ich unten. Ich sah aus dem Fenster – dein Auto stand unten auf dem Hof. Mir wurde ganz komisch. Ich sagte F., dass ich gleich runter gehen würde, und ging noch einmal ins Schlafzimmer und legte den letzten Wäschekorb zusammen. Ich wäre danach hinunter gegangen, ich schwöre es dir! Aber es kam anders. Es klingelte plötzlich jemand bei uns und als ich aufmachte, standen zwei Polizisten vor mir. Ohne, dass sie was gesagt hatten, sah ich F. nur entsetzt an und sagte: “Nein!“ Dann fragten die beiden, ob wir dich gesehen hätten. Da musste ich so heulen, hab immer wieder zu F. gesagt, dass ich es doch gewusst habe! Da erzählten uns die Polizisten, dass du heute nicht in der Tagesklinik erschienen bist. Tagesklinik?! Ich wusste bis dato ja nichts davon. Wir gingen mit den beiden nach unten, klopften und klingelten. Nichts, du hast nicht aufgemacht. Dann fragten die beiden Polizisten, ob man noch woanders in die Wohnung rein käme. Ich zeigte ihnen dann die Holztür, die vom Keller aus in deine Wohnung führte. F. ging nach oben, um den Beamten einen Schraubenzieher zu holen, um die Tür aufzubrechen. Aber in dem Moment, ich stand genau hinter dem Polizisten, bekam er mit dem letzten Tritt die Tür auf – und wir sahen dein Bad. Und dich, tot auf dem Boden. Oh Gott, ich schrie, sagte immer wieder, dass ich es gewusst habe, brach weinend zusammen. Sie riefen den Notarzt, der Rettungshubschrauber landete in unserer Straße – dabei war doch ganz eindeutig klar, dass du tot warst! Du hattest Totenflecken und die rufen einen Hubschrauber? Das machte mich damals so wütend. Die Ärzte wollten mich mitnehmen, ich wollte aber nicht. Die Gerichtsmedizinerin kam. Stunden dauerte das ganze, etliche Stunden. Schaulustige standen vor unserem Haus. Die Polizisten nahmen unsere Aussagen auf und ich erzählte offen alles, wie es war. Doch die beiden schrieben nichts davon auf, sie rieten mir, dass ich das bei der Kripo nicht sagen solle, von wegen unterlassene Hilfeleistung und so. Ich war fassungslos! Das war mir doch egal, ich war schuld, dass du tot bist, hätte es verhindern können! Wie sich heraus stellte, bist du in der Nacht von Sonntag auf Montag gestorben – das heißt, du hast noch einen ganzen verdammten Tag um dein Leben gekämpft und ich hätte doch nur ein Mal klopfen müssen. Wieso um alles in der Welt hab ich das nicht gemacht? Bei den beiden anderen Suizidversuchen hast du es immer so gemacht, dass du gefunden wurdest. Erzählten mir Nachbarn später. Was, wenn du das dieses Mal auch so machen wolltest? Aber du lagst zwischen der Toilette und dem kleinen Schränkchen eingeklemmt, alles voll Erbrochenem. Du konntest gar nicht mehr aufstehen. Du musst furchtbar gelitten haben. Du bist wohl gestürzt und kamst dann nicht mehr hoch, du lagst so verkeilt da. Dieses Bild werde ich mein Leben lang nicht mehr vergessen. Oder wie die Bahre in den Leichenwagen getragen wurde – direkt neben meinem Auto.
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Bärchi:
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Als ich aus dem Fenster sah, sah ich, dass die Kripobeamten zwei Kollegen meines Vaters waren. Sie sahen hoch und nickten mir kurz zu. Als sie dann später zu uns hoch kamen, habe ich ihnen alles genauso erzählt, wie es war. F. war mittlerweile sauer, meinte, ich hätte es ja nicht wissen können. Aber auch die Kripobeamten schrieben meine Aussage einfach nicht auf! Ich fand das so mies, ich war doch schuldig und sollte auch bestraft werden. Stattdessen wurde das verschwiegen. Bis heute habe ich damit zu kämpfen, war immer wieder kurz davor, mich selbst anzuzeigen. Einige Tage später entdeckte ich den Bericht von der Dienststelle von meinem Vater bei meinen Eltern auf der Theke. Mit dem Foto von dir im Bad. Das hat sich eingebrannt. Dazu dieser furchtbare, emotionslose, sachliche Text, von wegen „weibliche Person, bekleidet mit einem schwarzen T-Shirt, einer Unterhose, in der Unterhose befand sich eine Slipeinlage...“ Ich weinte nur noch. F. und ich fuhren mit unseren Freunden zwei Tage später an den Bodensee. Es war die Hölle. Ich hatte Panik, vor allem nachts im Dunkeln. Ich hörte dich immer noch, sah dich vor mir. Als wir wieder daheim waren, war es besonders schlimm. Ich konnte nicht mehr schlafen, hörte dein Stöhnen noch immer. Ich konnte nicht mehr im Dunkeln aufs Klo gehen, ließ alle Türen von da an weit offen. Im Hausflur musste ich an deiner Tür vorbei, die noch von der Kripo verriegelt war. Dann traf ich deine Schwester und deine Nichte, weinend, die in deine Wohnung gingen und putzten. Dort, wo du lagst...Gott, was muss das grausam gewesen sein. Warum mussten gerade die beiden das tun?! Als sie wegfuhren, erschrak ich fürchterlich; im Auto sah deine Schwester aus wie du...ich konnte nicht mehr in den Keller gehen, habe meine Wäsche teilweise zu meinen Eltern mitgenommen und dort gewaschen, weil ich nicht mehr an dieser Holztür im Keller vorbeigehen konnte, hinter der du lagst. Im Keller stand auch noch deine Waschmaschine. Und dein Trockner, mit den Window-Color-Bildern drauf, die du mal gemalt hattest. Bestimmt in einer Therapiesitzung, dachte ich mir damals noch. Und genau den Trockner nahm sich dieser Idiot, der über uns wohnte. Er benutzte ihn, mit deinen Bildern drauf! Er hatte es mit dem Vermieter abgesprochen. Trotzdem. Ich hätte das NIE getan. Wie schäbig!
Ich ging ein paar Tage später an dein Grab, legte Blumen hin und weinte. Ich habe ganz viel mit dir gesprochen, hatte gleichzeitig Angst, jemandem von deiner Verwandtschaft zu begegnen. Was sollte ich denen sagen, weshalb mich das so mitnimmt, wo wir uns doch nicht kannten? Die Wahrheit. Aber zum Glück, oder leider, kam niemand.
Dein Auto stand noch ewige Zeit vor unserem Haus. Schrecklich. Du hattest Schulden und der Vermieter fing an, deine Wohnung auszuräumen und nahm alles brauchbare und wertvolle mit heim. Ich sah im Telefonbuch nach und rief deine Schwester an, sagte ihr Bescheid. Sie kam dann auch sofort und es gab Stress zwischen ihr und dem Vermieter. Aber wenigstens das hatte ich verhindert, dass der Vermieter das heimlich durchzog, ohne deine Familie. Sie bedankte sich noch bei mir. Ich kam mir so elend vor und dachte mir, wenn sie die Wahrheit kennen würde, würde sie mir nicht danken.
Manchmal kann ich mich an so schönen Sommertagen gar nicht freuen. Ich denke dann an dich, genau zu der Zeit hast du dich umgebracht. Du wirst nie wieder einen solchen Tag erleben, keine Sonne mehr sehen oder Blumen riechen. Warum?! Wenn ich doch nur wüsste warum.
Die Todesanzeige deiner Arbeitskollegen (du warst schon lange krank geschrieben) erschien auch noch in der Zeitung. Noch heute schaue ich sie mir manchmal im Internet an. Es tut mir so leid. Wenn du mir wenigstens irgendein Zeichen geben könntest, dass du es wirklich gewollt hast. Aber so elendig sterben will doch keiner. Hätte ich nur auf mein Gefühl gehört, einfach nur ein Mal geklopft, auch wenn es nachts gewesen wäre. Was wäre schlimm daran gewesen? Aber F. meinte ja, ich spinne. So etwas passiert mir nie wieder, habe ich mir geschworen. Aber das kommt für dich auch zu spät. Bitte verzeih mir. Ich glaube, wir beide hätten uns gut verstehen können, hätten wir uns doch nur mal richtig kennengelernt. Vielleicht wäre es uns dann beiden besser gegangen? Ich weiß es nicht. Gut möglich. Wieso wussten die anderen Nachbarn Bescheid? Dass du es schon mehrfach versucht hattest? Dann hätte ich nicht gezögert, zu klopfen....glaub mir, ich werde es mir nie verzeihen, es nie vergessen, dass ich dir eine ganze Nacht lang beim Sterben zugehört habe. Nie. Und das ist auch richtig so. Ich denke sehr oft an dich. Immer, wenn ich einen Ford Focus sehe, in Silber. Oder die Buchstaben „MA“ auf einem Nummernschild. Scheiße. Irgendwann werde ich mir auch mal rote Rosen pflanzen, die du immer so gepflegt hast. In meinem Urlaub komme ich dich besuchen- vielleicht gibst du mir dann ein Zeichen...Angie.
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