Zwischenergebnisse einer Online-Befragung zum subjektiv erlebten Nutzen stationärer Therapie bei Patienten mit EssstörungenStand: Mai 2003 Deutsche Forschungsinitiative Eßstörungen e.V., Leipzig Projektleitung: Dr. Martin Grunwald Datenerhebung: Elisabeth U. Feiereis Online-Fragebogen (Software): Frank Krause
Ziel der Erhebung Ziel vorliegender Untersuchung war es, den subjektiv erlebten Therapienutzen stationär behandelter Essgestörter zu erheben. Dazu wurde ein Online-Fragebogen auf den Seiten des ab-servers dargeboten und konnte von jeder Person aufgerufen und ausgefüllt werden. Die vorläufige Auswertung bezieht sich auf 1024 Online-Fragebögen, die zwischen Oktober 2001 und Mai 2003 vollständig ausgefüllt wurden.
Die durch die Erhebung gewonnen Wertungen der Betroffenen sollen im Rahmen dieser Studie als Material für die Urteilsbildung anderer Betroffener gesammelt und zur Verfügung gestellt werden. Damit soll die Souveränität von Patienten und Betroffenen bei der Wahl einer therapeutischen Maßnahme und/oder Einrichtung gestärkt werden.
Beschreibung der Stichprobe Konsultationsgrund Über 95% der Teilnehmer gaben an, aufgrund einer Essstörung in Behandlung gewesen zu sein. In 4,7% der Fälle wurde als Erstdiagnose eine andere psychische Erkrankung genannt, jedoch wurde bei diesen als Zweit- oder Drittdiagnose eine Störung des Essverhaltens angegeben. Nach Selbstauskunft waren 50,6% der Patienten aufgrund der Diagnose Bulimia nervosa in Behandlung, 29,2% aufgrund von Anorexia nervosa und 11,3% waren an einer bulimischen Anorexie erkrankt. Adipositas, Binge Eating Disorder (BED) und nicht näher bezeichnete Essstörungen (NNB Essstörung) waren insgesamt in weniger als 5% der Fälle Grund für einen stationären Aufenthalt. Diese Ergebnisse sind in Tabelle 1 noch einmal zusammengefasst.
Tabelle 1: Häufigkeit der angegebenen Essstörungen als Diagnose für die Indikation einer Therapie (N=1024), sowie die am häufigsten genannten Zweitdiagnosen
Alter Für die Bestimmung des Alters während der Therapie lagen nur Bereichswerte vor, da die Antwortenden ihr Alter aus Anonymitätsgründen einem 4-Jahres-Intervall zuordnen sollten. Diese Angaben wurden mit dem Behandlungszeitraum verrechnet, der in 3-Jahres-Intervallen erhoben wurde. Es wurde so eine untere und obere Altersgrenze bestimmt. Für die Gesamtstichprobe ergab sich ein geschätztes durchschnittliches Mindestalter zum Zeitpunkt der Behandlung von 16,9 Jahren, das geschätzte Maximalalter lag bei 22,8 Jahren.
Geschlecht Die Betrachtung der Geschlechtsverteilung für die Gesamtstichprobe der vorliegenden Erhebung zeigt, dass 95,1% der Befragungsteilnehmer weiblich und 4,9% männlich waren. Es zeigte sich außerdem, dass die an der Erhebung teilnehmenden Männer häufiger an Bulimia nervosa (6,1%), Adipositas (6,7%) und Binge Eating Disorder (20%) erkrankten als an Anorexia nervosa (3,1%). Für die bulimische Anorexie gaben fast ausschließlich weibliche Personen an, davon betroffen zu sein.
Behandlungszeitraum Der weitaus größte Teil der Antworten (88,6%) bezog sich auf Therapieerfahrungen in den letzten sieben Jahren und 68,8% der Antwortenden waren in den letzten vier Jahren wegen einer Essstörung in stationärer Behandlung. Aufgrund dieser Verteilung kann angenommen werden, dass die Beantwortung des Fragebogens in relativ zeitlicher Nähe zur stationären Therapie erfolgte.
Behandlungsdauer Über die gesamte Stichprobe ergab sich eine durchschnittliche Dauer der Behandlung von 16 Wochen. Zwischen den einzelnen Essstörungsformen ließen sich auch hier Unterschiede beobachten: Patienten mit Bulimia nervosa, bulimischer Anorexie und Binge Eating Disorder befanden sich durchschnittlich 14 bis 15 Wochen in Behandlung, während anorektische Patienten eine durchschnittliche Behandlungsdauer von 20 Wochen angaben. Die kürzesten Behandlungszeiten nannten Patienten mit Adipositas, die im Mittel nur 10 Wochen betrug.
Therapieform Ein Item des Fragebogens erhob, welche Therapieform während des stationären Aufenthaltes durchgeführt wurde. Unterschieden wurde dabei zwischen Einzeltherapie, Gruppentherapie und einer Kombination aus beiden Formen. Nur Einzeltherapie erfuhren nach eigenen Angaben 18 Prozent aller Patienten, Gruppentherapie nach Selbstberichten 8,4%. Für den überwiegend größten Teil der Patienten bestand die Therapie sowohl aus einzeltherapeutischen als auch aus gruppentherapeutischen Elementen.
Medikation Über die Hälfte der Teilnehmer gab an, keine Medikamente während der Therapie erhalten zu haben, während 43,3% der Befragungsteilnehmer angaben, dass sie im Rahmen der Therapie Medikamente erhielten. Da nicht erhoben wurde, welches Medikament während der Therapie eingenommen wurde, können keine Aussagen darüber getroffen werden, ob die Medikamente zur Symptomlinderung bei Essstörungen eingesetzt wurden oder ob damit die Behandlung komorbider Störungen erfolgte.
Bewertung des Therapienutzens Der subjektiv beurteilte Nutzen einer Therapie wurde erhoben, indem erfragt wurde, ob die Therapie «gar nicht», «ein wenig» oder «sehr» geholfen habe.
In der Gesamtstichprobe gaben 36,5% an, dass ihnen die Therapie «gar nicht» geholfen habe. 38,5% beziffern den Nutzen mit «ein wenig» und 23,4% beurteilen die Behandlung als «sehr» hilfreich. Mit geringfügigen Abweichungen ließ sich dieses Ergebnismuster für Bulimia nervosa, Anorexia nervosa und Bulimische Anorexie im Einzelnen bestätigen. Anders das Ergebnis bei Adipositas-Patienten: Während bei einem Drittel der Behandelten die Therapie «gar nicht» geholfen hat, erlebten nur 6,7% der Behandelten die Therapie als «sehr» hilfreich und 53,3 % bezeichneten die Therapie als «ein wenig» hilfreich. Diese Ergebnisse sind in Abbildung 1 graphisch dargestellt.
Auswertung nach Bundesländern Die bundeslandspezifische Betrachtung zeigte, das Patienten mit Essstörungen in allen 16 Bundesländern therapiert wurden. Die quantitativen Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern sind jedoch erheblich. Über 50% der Teilnehmer gaben an, in den Bundesländern Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg behandelt worden zu sein, während nur knapp 3% der Befragungsteilnehmer im Saarland, in Bremen und in Hamburg stationär behandelt wurden.
Um die Frage zu klären, ob sich die einzelnen Bundesländer hinsichtlich des beurteilten Therapienutzens unterscheiden, wurde ein statistisches Verfahren verwendet. Dabei konnte ein signifikanter Unterschied zwischen den Bundesländern abgesichert werden. Zur Verdeutlichung dieser Unterschiede sind in Tabelle 2 die Anzahl der Urteile für die einzelnen Bundesländer dargestellt. Aufgrund ihrer Aussagekraft wurden auch die Prozentangaben hinzugefügt. Es ist auffällig, das in Bundesländern mit geringerer absoluter Nennung auch die Urteilsdimension «sehr geholfen» seltener erfolgte. Hingegen wurde in den Bundesländern, die ein Vielzahl von Patienten mit Essstörungen behandelten, auch der Therapienutzen häufiger als «sehr» hilfreich beurteilt. Im Bundesland Bayern gaben 34,8% der dort behandelten Patienten an, die Therapie habe ihnen «sehr» geholfen. In Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen gaben 29,7% bzw. 28,6% der ehemaligen Patienten an, die Therapie habe «sehr» geholfen, während es in Baden-Württemberg 25,2% und in Niedersachsen 24,7% waren.
Aufgrund der Ergebnisse kann angenommen werden, dass sich die meisten Kliniken zur Behandlung von Essstörungen im Bundesland Nordrhein-Westfalen befinden, da für dieses Land 47 verschiedene Kliniken genannt wurden. Am häufigsten (51mal) wurde dabei die Klinik am Korso in Bad Oeynhausen angegeben.
Über die 16 Bundesländer verteilt wurden insgesamt 221 verschiedene Kliniken genannt. Nachfolgend soll für jedes einzelne Bundesland eine Darstellung aller Kliniken erfolgen, die in dieser Untersuchung als Behandlungseinrichtung für Essstörungen genannt wurden. Zu dieser Darstellung aller Kliniken pro Bundesland gelangt man durch einen Klick auf das Bundesland in Tabelle 2.
In dem Fragebogen gab es für die Befragten zudem die Möglichkeit, ihre persönlichen Erfahrungen in einer Klinik ausführlicher darzustellen. Die Darstellung der Kommentare zu den persönlichen Bewertungen des subjektiv erlebten Therapienutzens, erfolgt separat. Die textliche Wiedergabe dieser Erfahrungsberichte erfolgt ungekürzt und unverändert.
Tabelle 2: Anzahl der Fragebögen pro Bundesland sowie Anzahl und Häufigkeiten der Urteile, die Therapie habe «sehr geholfen»
Perspektiven Durch Anfragen von verschiedenen Seiten zu ersten Ergebnissen dieser Erhebung wurde eine Zwischenauswertung zum aktuellen Zeitpunkt veranlasst. Vorliegende Ergebnisse sind deshalb als vorläufig zu betrachten. Für die Zukunft ist geplant, dem Fragebogen weitere Feldzeit zu gewähren und eine erneute Auswertung mit 3000 vollständig ausgefüllten Fragebögen vorzunehmen. 2003: Bisher abgegebene Kommentare
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