Esstörungen als Ursache von EssstörungenBei Magersucht und Ess-Brech-Sucht ergeben sich durch das veränderte Essverhalten biologische und psychologische Veränderungen, die zur Aufrechterhaltung des gestörten Essverhaltens beitragen, auch wenn die Bedingungen, die für die Entstehung dieses Verhaltens ursächlich waren, nicht mehr vorhanden sind.
Die Mangelernährung, längerfristig und permanent bei der Magersucht, kurzfristig und periodisch bei der Ess-Brech-Sucht, führt zu Veränderungen im Stoffwechsel und Hormonhaushalt, die u. a. auch Einfluss auf den Energieverbrauch der biologischen Lebensvorgänge nehmen. Die Magenbewegung und die Magentleerung bspw., erfahren Veränderungen, die den Betroffenen schon bei Zufuhr kleinster Mengen an Nahrung, ein Vollegefühl rückmelden. Durch normales Essverhalten würde zwar relativ kurzfristig eine Gewichtszunahme eintreten, da jedoch schon die geringste Gewichtszunahme die spezifische Angst Essgestörter aktiviert, führt sie nur zur Wiederbelebung und Steigerung von Kontrollversuchen. Eine hinsichtlich Kalorien, Zusammensetzung und Zeitstruktur normale Ernährung über einen längeren Zeitraum, die die biologischen Veränderungen normalisieren könnte, wird dadurch verhindert.
Aus dem gestörten Essverhalten ergeben sich unmittelbar Veränderungen im affektiven Bereich (depressive Stimmungen, Reizbarkeit, Labilität) und im kognitiven Bereich (Entscheidungsunfähigkeit, Konzentrationsmangel) sowie in vegetativen Funkionen (Sexualität, Schlaf) der Betroffenen. Die zu beobachtende ständige gedankliche Beschäftigung mit Essen führt zu einem Rückgang des Interesses an anderen Lebensbereichen, wodurch eine Verstärkung der Isolation der Betroffenen begünstigt wird, die ihrerseits - weil mit fehlender Attraktivität begründet - die vorhandenen Defizite in Selbstwertgefühl und Selbstwahrnehmung vergrößern, was wiederum eine Verstärkung des essgestörten Verhaltens veranlasst und massiv negativ die Herausbildung bzw. Beständigkeit günstiger psycho-sozialer Beziehungen beeinflusst.
Quelle: Laessele, R. G., Wurmser, H. & Pirke K. M. (2000). Essstörungen. In J. Margraf (Hrsg.), Lehrbuch der Verhaltenstherapie, Band 2: Störungen - Glossar (2. Auflage) (S. 223-246). Heidelberg: Springer.
Erstellt von Lysann Rall, 12/2005
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