Die Angst im LebenIn immer neuen Abwandlungen begleitet uns Angst von der Geburt bis zum Tod - Angst gehört unvermeidlich zu unserem Leben. Magie, Religion und Wissenschaft haben sich bemüht, Angst zu bewältigen, zu vermindern, zu überwinden oder zu binden. Ein Leben ohne Angst ist wohl Illusion, wir können aber versuchen, mit Mut, Vertrauen, Erkenntnis, Macht, Hoffnung, Demut, Glaube und Liebe, Gegenkräfte zu entwickeln, die uns dabei helfen können, Angst anzunehmen, uns mit ihr auseinander zu setzen, sie immer wieder neu zu besiegen. Ist Angst auch unausweichlich, ist sie auch immer gegenwärtig, kann sie jeden Augenblick - durch innere oder äußere Erlebnisse in unser Bewusstsein treten - heißt das nicht, dass wir uns ihrer dauernd bewusst wären, wir haben mancherlei Technik entwickelt, sie zu verdrängen, sie zu betäuben oder zu überspielen und zu leugnen. Im Verlauf der Kulturgeschichte änderten sich die Angstobjekte (das, was jeweils die Angst auslöst) und die Mittel und Maßnahmen, die wir zur Bekämpfung der Angst anwenden - kein Fortschritt scheint uns unsere Angst nehmen zu können - einige Ängste werden verschwinden, andere Ängste wiederum werden Folge des Fortschritts sein.
So allgemeingültig sich sagen lässt, dass Angst zu unserm Dasein gehört, so persönlich erlebt doch jeder Mensch seine Abwandlungen der Angst, seine individuelle Form der Angst, die zu ihm, zu seinem Wesen gehört.
Angst hat einen Dopelaspekt: Sie kann uns aktiv machen oder sie kann uns lähmen. Angst signalisiert uns Gefahr und enthält die Aufforderung, sie zu überwinden. Das Ausweichen vor der Angst, das Ausweichen vor der Auseinandersetzung mit ihr, lässt uns stagnieren, hemmt unsere Weiterentwicklung und lässt uns dort kindlich bleiben, wor wir die Angstschranke nicht überwinden.
Immer dort, wo wir uns in einer Situation befinden, der wir nicht oder noch nicht gewachsen sind, tritt Angst auf. Jede Entwicklung, jeder Reifungsschritt ist mit Angst verbunden, denn er führt uns in etwas Neues, bisher nicht Gekanntes, bisher nicht Gekonntes, führt uns in innere oder äußere Situationen, die wir noch nicht erlebt haben oder in denen wir uns noch nicht erlebt haben. So begleitet uns Angst immerwährend, da unser Leben immer wieder in Neues, Unvertrautes und noch nicht Erfahrenes führt. Angst kommt uns am ehesten an besonders wichtigen Stellen unserer Entwicklung ins Bewusstsein, nämlich da, wo alte, vertraute Bahnen verlassen werden müssen, wo neue Aufgaben zu bewältigen oder Wandlungen fällig sind. Entwicklung, Erwachsen-Werden und Reifen haben also offenbar sehr viel zu tun mit Angstüberwindung, und jedes Alter hat seine ihm entsprechenden Reifungsschritte mit den dazugehörigen Ängsten, die gemeistert werden müssen, wenn der Schritt gelingen soll. Der gesunde Mensch durchsteht diese normalen, alters- und entwicklungsgemäßen Ängste, ihre Bewältigung ist für wichtig für seine Fortentwicklung. Die ersten Laufschritte des Kindes, bei denen die Angst vor dem Loslassen der Hand der Mutter überwunden werden muss, der Schulanfang, wo das Kind aus dem Schoß der Familie in eine zunächst fremde Gemeinschaft hineinwachsen muss, die Pubertät, die ersten Begegnungen mit dem anderen Geschlecht, die Gründung einer eigenen Familie, die Mutterschaft, das Altern und die Begegnung mit dem Tod - immer ist an einen Anfang oder vor ein erstmals zu Erfahrendes eine Angst gesetzt. Diese Ängste gehören gleichsam organsisch zu unserem Leben. Sie hängen mit körperlichen, seelischen oder sozialen Entwicklungsschritten zusammen, die bei Übernahme neuer Funktionen in der Gemeinschaft oder Gesellschaft auftreten. Diese Entwicklungsschritte bedeuten immer eine Grenzüberschreitung und fordern von uns, dass wir uns von etwas Gewohntem, Vertrautem lösen und etwas Neues, Unvertrautes wagen. Neben diesen, für bestimmte Grenzsituationen typischen Ängsten, gibt es eine Fülle individueller Ängste, die wir bei anderen oft nicht verstehen können, weil wir sie bei uns selbst nicht kennen. So gibt es praktisch nichts, wovor wir nicht Angst entwickeln können - zumal eine Angst oft gar nicht die Angst ist, die sie zu sein scheint, neigen wir doch dazu, nicht gemeisterte, nicht verarbeitete Ängste an harmlosere Ersatzobjekte zu heften, die leichter vermeidbar sind als die eigentlichen Angstauslöser, vor denen wir nicht ausweichen können.
Quelle: Riemann, F. (2006). Grundformen der Angst (37. Auflage) (S. 7-11). München: Reinhardt.
Erstellt von Friederike Leisner, 12/2006
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