Die Aufgaben von Hungern und DünnseinDas Verstehen und Deuten anorektischen Verhaltens und Seins als symbolischer Ausdruck psychischer Konflikte bzw. deren Bewälti-gungsvorgänge, werden nach A. E. Meyer (1970, Engel u. Meyer 1991) in drei Hauptkonstellationen, die in unterschiedlichem Ausmaß und oft miteinander verbunden auftreten, beschrieben:
Kampf gegen die Sexualitat als TriebDie Abwehr zielt auf die Vermeidung der weiblichen Rolle als solche, insbesondere wegen des Einverleibungsaspektes weiblicher Sexualität (Parallelen zwischen Essen und dem Hereinnehmen bzw. Aufnehmen von Glied und Samen oder das Dickwerden durch Schwangerschaft). Mittels der Abwehrmechanismen "Regression" und "Verschiebung", werden die auftretenden genital-sexuellen Trieb-impulse in den oralen Bereich verlegt. Diese Abwehr führt zum einen zu einem innerpsychischen Erfolg (Angstreduktion), zum anderen verliert sich mit zunehmender Abmagerung und dem Schwinden der sekundären Geschlechtsmerkmale, die erotisch-sexuelle Anziehung erst in der Phantasie, bald dann auch in der Realität.
Anstreben von Magerkeit als Kampf von Geist gegen TriebKinder lernen während des Sauberkeitstrainings, dass Körperbeherrschung von der Umwelt höher bewertet wird und mehr Sicherheit verleiht, als wenn sie sich gehen lassen. Die sich daraus entwickelnden moralischen Gebote, werden später auch gegen neue Triebgefahren, die die Autonomie zu bedrohen scheinen, verwendet. Das scheinbare Gelingen der Triebkontrolle bewirkt eine Steigerung des Selbstwertgefühls und führt zum Erleben größerer Sicherheit. Die Betroffenen haben scheinbar keine Bedürfnisse mehr, sie erleben, dass es ihnen weitgehend gelingt, vom Essen und ihren Bezugs-personen unabhängig zu sein. Hierbei wird jedoch Autarkie mit Autonomie verwechselt. Die Betroffenen leben in einem wahnähn-lichen Zustand, in dem sie die Abhängigkeit "das passive Ausge-liefertsein des Ich an die Nähe und unerbittlich wirkende Gewalt des Hungers" (Kunz, nach Thomä 1961) , "die Abhängigkeit des Ich von der Natur ..." und die Abhängigkeit von den, sie als Kind bisher versorgen-den Personen verleugnen (Thomä 1961). Die mittels dieser Verleugnung erreichte Vollkommenheit und Sicherheit (sekundärer Krankheitsgewinn), wird durch jedes Hilfsangebot gefährdet. Dies trägt wesentlich zu den starken Widerständen gegen die Behandlung bei.
Kampf gegen den Wunsch nach AnnäherungEssen ist im Kleinkindalter mit Nähe, mit Hautkontakt, mit Zusammensein verbunden. Einerseits bestehen für Magersüchtige (unbewusste) Wünsche nach Nähe, andererseits sind damit unlustvolle bzw. angsterregende Empfindungen und Phantasien verbunden. Das magersüchtige Abgrenzungsverhalten schafft Beziehungen, in der andere etwas von den Betroffenen wollen, die Betroffenen selbst sich aber verweigern können (Boothe 1991). Haben frühkindliche Erfahrungen dazu geführt, dass echte Autonomie in sich gegenseitig anerkennender Abstimmung nicht vorstellbar ist, bleibt nur die Abgrenzung, die die Angst, fremdbestimmt, vereinnahmt, bedrängt zu werden oder die Eigenständigkeit zu verlieren, nicht aufkommen lassen soll. Die offensichtliche und damit herausfordernde Verweigerung der Nahrungsaufnahme führt aber gleichzeitg auch dazu, dass das Interesse der Bezugspersonen aufrechterhalten wird. Die Angst, von den Bezugspersonen enttäuscht, im Stich oder ganz fallen gelassen zu werden, wirkt gegen eine echte Abgrenzung.
Quelle: Köhle, K., Subic-Wrana, C., Albus, C., & Simons, C. (2003). Anorexia nervosa. In R. H. Adler, J. M. Hermann, K. Köhle, W. Langewitz, O. W. Schonecke, T. von Uexküll & W. Wesiack (Hrsg.), Psychosomatische Medizin (6. Auflage) (S. 687-706). München: Urban & Fischer.
Erstellt von Lysann Rall, 12/2005
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