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Direkte Einflüsse der Familie auf das EssverhaltenWelche direkten Einflüsse der Familie auf Essverhalten und Essstörungen kann man nun im einzelnen beobachten? Nicht nur klinische Erfahrungen sondern auch kontrollierte quantitative Studien zeigen, dass sowohl im klinischen Sinne manifeste Essstörungen als auch Einstellungsvariablen, die das familiäre Modellverhalten prägen, relevant für die Entwicklung und Behandlung von Essstörungen sind:
 | Familienmitglieder entwickeln offensichtlich eine Ähnlichkeit in der Einstellung zu Nahrungsmitteln. Dies betrifft Aspekte wie Sauberkeit und Verunreinigung sowie die damit verbundenen Ekelgefühle und auch Lebensmittel-Präferenzen (Rozin et al., 1984) |
 | Eine gestörte Einstellung zum Essen in der Generation der Mütter korreliert mit Essstörungen bei den Töchtern (Pike & Rodin, 1991). Mütter essgestörter Töchter beginnen selbst in einem früheren Alter mit Diäten als die der nicht-essgestörten Kontrollgruppe. Sie meinen, dass ihre Töchter – unabhängig von deren Realgewicht – stärker abnehmen sollten als die der Kontrollgrupppe (Pike & Rodin, 1991). Zudem ist in der Gruppe der Essgestörten die Differenz zwischen der Selbsteinschätzung der Töchter bezüglich ihrer Attraktivität un der der Mütter signifikant höher (Pike & Rodin, 1991; Moreno & Thelen, 1993). |
 | Die Wahrnehmung des Gewichtes der Töchter durch die Mütter ist prospektiv ein wesentlicher Prädikator für deren späteres Diätverhalten (Byely et al., 2000). |
 | Weiterhin wird ein wesentlicher Risikofaktor für spätere Essstörungen, das „gezügelte Essverhalten“, intrafamiliär von Müttern an ihre Töchter weitergegeben (Franzen & Florin, 1995). Auf der anderen Seite verstärkt mütterliches Essverhalten, das Essen als Mittel gegen Langeweile und negative Gefühle einsetzt, ebenfalls bulimisches Essverhalten sowie die Überzeugung, dass sich die Lebensqualität durch einen schlanken Körper verbessert (Mac Brayer et al., 2001). |
 | Elterlicher Schlankheitsdruck, vor allem durch die Mütter, die sich selbst sehr um Schlankheit bemühen, verstärkt Tendenzen zu pathologischen Formen des Diäthaltens (Levine et al., 1994). |
 | Bulimische Symptome sind eng mit Abwertungen des Aussehens in der Familie verbunden (Mac Brayer et al., 2001). In Familien mit Essstörungen finden sich insgesamt häufiger kritische und abwertende Kommentare zu Figur, Gewicht und Essverhalten als in Familien psychiatrischer und gesunder Vergleichsgruppen (vgl. Fairburn et al., 1997, 1999a). |
 | In Familien Essgestörter finden sich eine starke Körperunzufriedenheit, eine stärkere Orientierung auf das soziale Ansehen und auf Leistung als in Familien Nicht-Essgestörter (Laliberté et al., 1999).
|  | Eltern von Bulimikerinnen beschäftigen sich übermäßig mit Gewicht und Essen (Teusch, 1988). |
 | Die Anwesenheit von Eltern, z. B. Müttern, hat einen direkten Einfluss auf das Essverhalten von Kindern. Übergewichtige Kinder essen schneller und nehmen größere Bissen zu sich, wenn ihre Mütter anwesend sind. Wenn diese nicht im Raume sind, unterscheidet sich ihr Essverhalten nicht von dem normalgewichtiger Kinder (Laessle et al., 2001). |
 | Essstörungen sind in Familien von Bulimikerinnen und Anorektikerinnen häufiger zu finden als in Familien psychiatrisch unauffälliger Kontrollpersonen und Vergleichsgruppen mit anderen psychiatrischen Erkrankungen (Fairburn et al., 1997, 1999a; s. auch Reich, 1999). |
 | Zudem sind Essstörungen in Familien von Bulimikerinnen häufiger zu finden als in denen von Anorektikerinnen (vgl. Reich, 1999); dies gilt insbesondere für elterliche Fettsucht. Auch durch Substanzmissbrauch, z. B. Alkohol- oder Medikamentenabusus, kiann in Familien „vorgebahnt“ werden, dass Konflikte, Spannungszustände und unangenehme Affekte auf oralem Wege, durch „orale Regression“, reguliert oder beseitigt werden. Unkontrolliertes, impulshaftes, süchtiges Essverhalten entspricht dann anderen Suchtverhalten in der Elterngeneration. In Familien bulimischer Patientinnen finden sich der Tat häufiger Suchterkrankungen und Substanzmissbrauch als in denen von normalen und auch von psychiatrischen Kontrollgruppen (Fairburn et al., 1997; vgl. auch Reich, 1999). Die Neigung zu Substanzmissbrauch und Sucht ist hier oft deutlich höher als bei Angehörigen anorektischer Patientinnen (Fairburn et al., 1997, 1999a; Lilenfeld et al., 1998; vgl. auch Reich, 1999). |
 | Weitere mögliche Wege der familiären Transmission gestörten Essverhaltens zeigen direkte Beobachtungen aktuell bzw. ehemals essgestörter (anorektischer und bulimischer) Mütter in ihrem Fütterungsverhalten ihren Babys gegenüber (Evans & le Grange, 1995). Die Mütter der Essgestörten-Gruppe füttern ihre Babys eher nach Plan. Die Mütter der nicht essgestörten Vergleichsgruppe richten sich nach den Bedürfnissen der Kinder. |
 | Kinder essgestörter Mütter zeigen ein stärkeres Essbedürfnis als andere. Ihre Mütter sind besorgter über deren Gewicht und Essverhalten. Im fünften Lebensjahr zeigen diese Kinder mehr negative Affekte als die nicht-essgestörter Mütter (Agras et al., 1999). |
 | Prospektiv zeigt sich, dass frühkindliche Essstörungen und familiäre Auseinandersetzungen um das Essen prädiktiv für die Entwicklung von Bulimie und Anorexie in der Adoleszenz sind (Marchi et al., 1990). |
 | Die Entwicklung von Bulimie lässt sich durch familiäre Betonung und Verstärkung von Aussehen, Diäthalten, sowie exzessiven Versuchen der Gewichtskontrolle, z. B. durch Sport oder Erbrechen, vorhersagen (Stice, 1997). |
 Zitat aus:
Reich, G. (2003). Familientherapie der Essstörungen. In M. Cierpka, A. Riehl-Emde, M. Schmidt & K. A. Schneewind (Hrsg.), Praxis der Paar- und Familientherapie (1. Auflage) (S. 22-23). Göttingen: Hogrefe.   
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